Es geht aufs Schuljahresende zu. Ich merke, die Luft ist raus. Der Sommerhimmel strahlt uns an, die Luft ist warm und alles riecht nach FERIEN! Nach Ferien riecht auch die Einstellung der Kinder, die nicht mehr so wirklich Lust auf Schule haben. Andererseits mischt sich in diese Vorferienstimmung bei unserer Midimaus leiser wehmütiger Abschiedsschmerz über das Ende der Grundschulzeit, der Klassengemeinschaft mit ihren Freundinnen und des Abschieds von der netten Lehrerin. Abschiedsfeiern stehen an, Geschenke wollen gestaltet und besorgt werden. Ich habe die Kiga-Mäuse aus dem Dorf in den Kindergarten gebracht und erfahre auch von anderen Mamas, dass es Zeit für Ferien und gelockerteren Alltag wird. Auf der Rückfahrt sinne ich darüber nach, warum sich der Juli um alles in der Welt immer so stressig anfühlt. Juli und Dezember, das sind die Monate, die ich mit Hektik und Kaum-Zur-Ruhe-Kommen verbinde. Abschiedsfeste, letzte To Dos vor den Ferien, gefühlte letzte Treffen mit den Freundinnen, bevor sich alle in unterschiedliche Urlaubszeiten verabschieden. Grillfeste mit Freunden, die man schon lange wieder sehen wollte und Geburtags(nach)feiern. Kommen dann noch diverse Arzttermine oder anderes Unvorhergesehenes hinzu, wird die Zeit schnell knapp. Im Geheimen hoffe ich darauf, dass unsere gelben Pflaumen sich tatsächlich wie immer Zeit bis Anfang August lassen, aber dieses Jahr scheint die Natur in vielem früher zu sein, so dass der Garten seine Schätze JETZT, inmitten dieses Abschiedstrubels, preisgibt und das Obst gepflückt und verarbeitet werden will. Ich ertappe mich bei dem Gedanken: „Auch das noch…!“ Dabei lieben wir die gelben Pflaumen und freuen uns eigentlich sehr, dass wir so einen tollen Baum im Garten haben.

Ich betrachte die sommerlichen Wiesen und inzwischen abgeernteten Felder hinter unserem Haus, atme den Duft der reifen Pflaumen tief ein und werde nachdenklich. Ein so schöner Sommer. Dieser Juli ist wirklich ein richtiger Sommermonat, nicht zu heiß, aber schön sommerlich warm, mit diversen kleinen Schauern und Sommergewittern. Wie aus dem Bilderbuch. Die Natur legt sich uns zu Füßen und gibt in Hülle und Fülle. Eigentlich so schön. Eigentlich ein Genuss für die Sinne und echte Lebensfreude. Eigentlich ein großer Monat zum Genießen und Dankbarsein. Gerade auch für die Schätze, die Natur und Garten uns enthüllen. Gerade auch für die großen und kleinen Schätze daheim, die das Leben noch intuitiver genießen können und spontane Lieder darüber trällern, wie schön doch der Tag heute ist… Gerade auch dafür, dass ich mein Leben im Moment, in dieser Lebensjahreszeit, mit diesen Schätzen teilen und verbringen darf.

Vielleicht mag es tatsächlich an meiner momentanen Lebensjahreszeit liegen, dass sich der Sommer in den letzten Jahren oft so stressig anfühlt. Ich befinde mich gerade im Sommer des Lebens mit kurzen Nächten, viel Action und Trubel und vielem, was eben so noch dazukommt. Die Kraft ist da und die Tage sind lang und wollen genutzt und ausgekostet werden. Wie im „echten“ Sommer. Vielleicht erreiche ich ja mein Höchstmaß, wenn (Lebens)Sommer und (echter) Sommer zusammenfallen…? Vielleicht gehört das zum Lebenskreislauf einfach dazu? Ich beginne zu sinnieren, was es für unser Leben heißt, wenn bestimmte Lebensjahreszeiten mit den unterschiedlichen Zeiten eines Jahreszyklus zusammenfallen. Sechzehn unterschiedlich erlebte Phasen im Laufe eines Lebens und dann kommen die jeweils befindlichen Unterschiedlichkeiten, die es im Laufe eines Jahres durch Umstände und Erlebnisse sowieso noch gibt, dazu. Was für ein Reichtum der Momente! Es war mir ja schon lange klar, dass der Sommer meiner Kindheit ein anderer war als der Jetzige. Und ich stelle fest: nicht nur die Erinnerung trägt zu unterschiedlichen Empfindungen bei. So wie die Jahreszeiten unterschiedlich sind und jede ihren bestimmten Fokus und ihre Aufgaben hat, so zeigt sich das im Leben auch. Bin ich in meinem Lebenssommer, ist meine momentane Lebensaufgabe eine andere als im Herbst des Lebens und somit wird sich auch der Jahreszeitensommer im Lebenssommer anders anfühlen als der im Lebensherbst. Naja, zumindest nehme ich das an. Denn den Vergleich kann ich im Moment nur von Frühling und Sommer des Lebens ziehen. Aber es leuchtet mir irgendwo ein. Und macht nachdenklich. Denn ich erkenne: es wird nicht so bleiben. Im Lebensherbst werde ich anders gestaltete Jahreszeitensommer haben. In den stressigen und aufreibenden Dingen, die ich gerade erlebe. Aber auch in den guten, von denen es wahrlich mehr als genug gibt. Die Jahreszeiten im Zyklus eines Jahres werden sich mit den Jahreszeiten meines Lebens verändern. Das heißt, ich kann mich – wahrscheinlich – irgendwann auf nicht mehr so stressige Julimonate freuen. Auf entspannte Sommerabende auf der Terrasse. Aber auch auf mehr Ruhe im Haus – und so sehr ich mir das jetzt manchmal wünsche, kann ich es mir doch in allen Konsequenzen nicht vorstellen und allein beim Gedanken daran werde ich wehmütig…

Der Herbst bringt anderes als der Sommer. Und jedesmal, wenn sich eine Jahreszeit dem Ende zuneigt und die nächste sich langsam ankündigt, spüre ich, dass das Wahrnehmen, dass das eine Vergangenheit wird, die Zeit voranschreitet und schöne Momente – genutzte wie ungenutzte – für immer in den Tiefen der Erinnerungen verschwinden, eine Wehmut in mir auslöst, eine Trauer über Verpasstes und darüber, dass die Geschenke dieser Jahreszeit nun vorüber sind. Und gleichzeitig freue ich mich auf die neue Jahreszeit, die vor der Tür steht, die so viel anderes Neues bringt, was mich in manchen Teilen vielleicht bald wieder innerlich stresst, aber oft vor allem erst einmal mit Vorfreude erfüllt. Es ist gut, dass das Neue kommt. Die Zeit war reif.

Das will ich mir mitnehmen. Während ich das Apfelmus und die Pflaumenmarmelade zu- und das Grillfest vorbereite, Geburtstage und Abschiedsgeschenke plane, Treffen organisiere und Arzttermine ausmache, tröste ich den Kummer der Kinder, höre ihren übersprudelnden Erlebnissen zu und sehe den Sonnenuntergang hinter der Wiese und ich weiß: meine Zeit ist JETZT… Genau jetzt…. Jetzt werde ich genießen. Und irgendwann – ist die Zeit reif für Neues. Ich werde es spüren. Wehmütig. Und doch auch von Vorfreude erfüllt. Denn alles hat seine Zeit. Auch der Julistress im Sommer des Lebens. Mit klebrigen Kinderhänden und Grillkartoffeln. Lecker!

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.

(Buch Prediger 3,1)

Alles hat seine Zeit
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